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Die japa­ni­sche Kunst hat über Jahr­tau­sende vie­les her­vor­ge­bracht, was man im Wes­ten schätzte weil es eigen­stän­dig war, von den Mate­ria­lien und den For­men, oft geprägt von schlich­ter Ele­ganz und unauf­dring­li­cher Schön­heit. Vie­les hat auch die west­li­che Kunst beein­flusst, vie­les konnte trotz inten­si­ver Bemü­hun­gen nicht kopiert wer­den. Es gibt auch einen Aus­druck in der japa­ni­schen Spra­che, den man nicht über­set­zen kann, der in einem Wort eine ganze Phi­lo­so­phie in der gestal­te­ri­schen Umset­zung wider­spie­gelt: shi­bui. Man kann sagen shi­bui steht für Schlicht­heit, für Ele­ganz, für unauf­dring­li­che Schön­heit, für japa­ni­sche Ästhe­tik. Oder man sagt ein­fach shi­bui steht für etwas Voll­kom­me­nes, über das man nicht erst nach­den­ken muss, etwas das als ange­nehm wahr­ge­nom­men und akzep­tiert wird.

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Was hat uns Japan in sei­ner Tra­di­tion ebenso gelernt? Die Per­fek­tion, den Wil­len und die Geduld in der Umset­zung hand­werk­li­cher Fähig­kei­ten. Man stelle sich den Moment vor, in dem die schwarze Tusche eines Pin­sels das weiße Papier berührt: das Schrift­zei­chen muss unmit­tel­bar und per­fekt umge­setzt wer­den, es gibt kein zurück und keine Kor­rek­tur. Man muss eben per­fekt sein in dem was man tut. Man­fred Schmid hat sich die­ser Per­fek­tion ver­schrie­ben. Er arbei­tet mit einem Mate­rial, des­sen schwer kal­ku­lier­bare Natür­lich­keit ein Mit­ein­an­der erfor­dert, wie es bei kaum einem ande­ren Werk­stoff erfor­der­lich ist. Uru­shi, der Saft des japa­ni­schen Lack­bau­mes, lässt sich nur müh­sam und mit viel Geduld ver­ar­bei­ten. Ein Mate­rial, des­sen Eigen­schaf­ten oder des­sen Eigen­sinn eine Sym­biose erfor­dern, die man als Lack­künst­ler mit dem Mate­rial ein­ge­hen muss, man muss sich mit­ein­an­der ver­stän­di­gen können.

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Vom Lack­baum gezapft und ver­schie­dent­lich raf­fi­niert, wird der Japan­lack in hauch­dün­nen Schich­ten über einen sehr lan­gen Zeit­raum auf­ge­tra­gen. Er trock­net nicht, er här­tet unter der Ein­wir­kung von hoher Luft­feuch­tig­keit lang­sam aus. Er wird hart, bleibt aber trotz­dem fle­xi­bel. Er wirkt kühl, ist aber trotz­dem ange­nehm in der Berüh­rung. Der Auf­bau einer Lack­ar­beit ist sehr kom­plex. Er lässt sich gut mit dem mensch­li­chen Kör­per ver­glei­chen und des­sen Auf­bau von Kno­chen, Fleisch und Haut. Bei Lack­ar­bei­ten blickt man auf die Haut, blickt man auf die Ober­flä­che. Die Ober­flä­che kann aber nur so gut sein wie der Unter­grund, wie der Kno­chen in Form des Trä­ger­ma­te­ri­als und das Fleisch in Form der Grun­die­rungs­schich­ten. Geduld und Prä­zi­sion sind auch hier die unab­ding­bare Vor­aus­set­zung für einen Erfolg in der gesam­ten Arbeit.

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Eine schnelle oder unkon­zen­trierte Vor­ge­hens­weise rächt sich meis­tens erst ganz am Ende in Form einer unschö­nen Haut. Das Grund­prin­zip beruht auf einer zur Ober­flä­che hin immer fei­ne­ren Struk­tur der Schich­ten bis zur end­gül­ti­gen Ver­sie­ge­lung in den letz­ten Poli­tur­schrit­ten. Ursprüng­lich seit Jahr­tau­sen­den als Schutz­über­zug
ver­wen­det, ent­wi­ckelte sich uru­shi sehr schnell zu
einem Dekor­ma­te­rial von einer über­ra­schen­den
Viel­falt. Das im japa­ni­schen Lack­baum befind­li­che Enzym Lac­case ver­leiht dem Lack Eigen­schaf­ten, wel­che ihn weit über den Här­te­gra­den ande­rer asia­ti­scher Lacke ste­hen lässt. Dies ermög­lichte die Ent­wick­lung der für Japan typi­schen Ein­streu­tech­ni­ken in Edel­me­tal­len oder Perl­mutt, bei wel­chen das Lack­ma­te­rial min­des­ten so hart sein muss wie das ein­ge­streute Material.

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Als tra­di­tio­nelle Grund­far­ben gel­ten der Schwarz-​und der Rot­lack, wie er auch noch heute bei zahl­rei­chen japa­ni­schen Uten­si­lien Ver­wen­dung fin­det. Man­fred Schmid hat sich vor allem dem tie­fen Schwarz ver­schrie­ben, der Grund­farbe in ihrer Tiefe, Ihrer Bril­lanz, ihrer Schön­heit. Der Schwarz­lack wird durch die Bei­mi­schung von Eisen­feil­spä­nen her­ge­stellt. Das Eisen löst eine che­mi­sche Reak­tion und die Ver­fär­bung des Mate­ri­als aus, aus wel­chem anschlie­ßend die Späne gefil­tert wer­den. Hier­durch ent­steht eine Mate­rial von einer schein­bar unend­li­chen Tiefe, in wel­chem sich keine Pig­mente befin­den. Durch die­sen Umstand ist es mög­lich, auch durch den mehr­fa­chen hauch­dün­nen Auf­trag eine Dichte und Tiefe im Mate­rial zu erzie­len, wel­che häu­fig an Glas erin­nern lassen.

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Dabei ist es nicht das eigent­li­che Lackie­ren was den Arbeits­auf­wand aus­macht. Es ist das nahezu unend­li­che Schlei­fen und Polie­ren der ein­zel­nen Schich­ten, das Ein­brin­gen die­ser Geduld, des Fein­ge­fühls, des Hörens beim Schlei­fen. Bei der Ver­ar­bei­tung von Japan­lack ist auch Hand-​Arbeit gefor­dert, aber schon in einer fast zärt­li­chen Umset­zung. Die hauch­dün­nen Schich­ten wer­den mit Pin­seln aus Men­schen­haar auf­ge­tra­gen, mit natür­li­cher Holz­kohle geschlif­fen, mit Leder und Öl poliert. Japa­ni­sche Lack­meis­ter polie­ren die letzte Schicht auch gerne mit der Haut Ihrer Fin­ger oder Hand­bal­len, wel­che als feinste Struk­tur und per­sön­li­che Ein­brin­gung des Künst­lers gilt. Der unmit­tel­bare Kon­takt der eige­nen Haut mit dem Mate­rial und den ein­zel­nen Schich­ten macht die Her­stel­lung eines Lack­ob­jek­tes zu einer Ein­heit zwi­schen der Form, dem Roh­stoff und dem Menschen.

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Diese Ein­heit spie­gelt sich auch in den For­men der Objekte von Man­fred Schmid. Es sind eigent­lich Gegen­stände wie man sie als Nutz­ob­jekte kennt, umge­setzt als soli­täre Kunst­ob­jekte von eige­ner Kraft und Aus­sage, Objekte die man anfas­sen und auch benut­zen sollte, aus Respekt vor der Per­fek­tion oder auch schlicht aus Angst vor Beschä­di­gun­gen als Skulp­tu­ren ver­steht und posi­tio­niert. Man­fred Schmid spielt mit den Mate­ria­lien und For­men. Er ver­bin­det das tiefe Schwarz mit Sil­ber, das glän­zende Schwarz mit dem mat­ten, bin­det mat­tes Rot mit ein oder kom­bi­niert die Lack­o­ber­flä­chen mit einer sicht­ba­ren Holz­struk­tur. Opti­sche Zusam­men­spiele, die in sich kon­se­quent an der Schlicht­heit der Objekte ori­en­tiert sind, die kei­nen Raum für gestal­te­ri­sche Spie­le­reien las­sen, die in ihrer For­men­spra­che ruhen, den Betrach­ter aber ani­mie­ren sich mit den Refle­xen und visu­el­len Licht­spie­len auseinanderzusetzen.

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Die Part­ner von Man­fred Schmid sind eben­falls Per­fek­tio­nis­ten in ihren eige­nen Fach­ge­bie­ten. Auch hier geht er eine Sym­biose ein, die sich kon­se­quent durch sein gesam­tes Schaf­fen zieht. Er hat sich in vie­len Jah­ren der müh­sa­men Arbeit, des men­ta­len Erklim­mens des Ber­ges Fuji, ein hand­werk­li­ches und künst­le­ri­sches Niveau erschaf­fen, das selbst in Japan sei­nes glei­chen sucht. Er ließ sich nie beein­flus­sen, er ging sei­nen eige­nen Weg durch Höhen und Tie­fen. Und er wird sei­nen Weg wei­ter gehen, im Stil der japa­ni­schen Tra­di­tion und mit japa­ni­schem Hand­werk, aber in sei­ner eige­nen For­men­spra­che und mit sei­ner eige­nen Signa­tur, wel­che jedes Objekt zu einem Uni­kat wer­den lässt und jenen Begriff wie­der­spie­gelt, den man auf sein gesam­tes Oeu­vre anwen­den darf – shi­bui. Gün­ther Heckmann